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Aero-Werbeversprechen

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Die Radsportwelt ist besessen von einem Wort: Aerodynamik.

 

Es ist das Versprechen von "Geschwindigkeitsgewinn", die über Sieg oder Niederlage entscheiden sollen. Jeder neue Produktlaunch, jedes neue Superbike kommt mit beeindruckenden Grafiken aus dem Windkanal und der Behauptung, den Wind noch effizienter zu durchschneiden. Die Botschaft ist klar: Kauf dir dieses Rad, diese Laufräder, diesen Lenker, und du wirst schneller sein.

 

Aktuelles Beispiel: Hier steht, dass das Factor One 22% schneller ist als das Specialized Tarmac SL8. 22% schneller heißt: statt 40 km/h sind es 48,8 km/h.

 

Wenn es 22% weniger Luftwiderstand des Rennrades (Rahmen, Gabel und Lenker) ohne Fahrer sein sollen, dann wären es ca. 6 Watt Gewinn. Bei einer Geschwindigkeit von 40 km/h bringen dir 6 Watt weniger Luftwiderstand einen Geschwindigkeitszuwachs von etwa 0,36 km/h. Preis Rahmenset: 7800 Euro

 


Ich behaupte nicht, dass der Rahmen nicht aerodynamisch ist. Ich bemängle die übertriebenen und falschen Begriffe die bewusst so irreführend gewählt werden.


Genau hier liegt das Fundament der Werbeversprechen: die Vorstellung, dass Aerodynamik und Leichtlauf eine simple, käufliche Zahl ist. Die Realität hinter den Marketing-Schlagzeilen und den im Labor gemessenen Watt-Einsparungen ist ein komplexes System, in dem du und die realen Bedingungen den Ton angeben.

 

Was im sterilen Windkanal wie ein gewaltiger Sprung aussieht, schmilzt auf der Straße oft auf einen kaum spürbaren Vorteil zusammen – wenn überhaupt etwas übrig bleibt.

 

Schauen wir uns an, was unabhängige Tests wirklich sagen.

 

Der größte Bremsklotz sind nicht die Rohre, sondern dein Körper

 

Das vielleicht wichtigste, aber am häufigsten ignorierte Prinzip: Wer oder was erzeugt eigentlich den meisten Windwiderstand? 👉 Das bist du.

 

Unabhängige Analysen sind da eindeutig: Etwa 70–80 % des gesamten Luftwiderstands werden von deinem Körper verursacht. Das Fahrrad selbst ist nur für die restlichen 20–30 % verantwortlich. Ingenieure messen das als CdA-Wert, und hier bist du der dominierende Faktor.

 

Zum Vergleich bei 40 km/h:

  • Fahrer gesamt: ~250–300 W

  • Komplettes Rad (ohne Fahrer): ~30–40 W

  • Guter moderner Rahmen (realistischer Mittelwert)

    • ≈ 12–15 W

  • Alter, nicht-aerodynamischer Rahmen

    • ≈ 18–22 W

  • Flaschen + Halter: oft 3–8 W zusätzlich

 

👉 Der Rahmen ist wichtig, aber der Fahrer dominiert den Luftwiderstand massiv.


 

Das hat eine krasse Konsequenz, die im Marketing gerne verschwiegen wird. Das Seven Cycles White Paper bringt es auf den Punkt: Sobald du auf dem Fahrrad sitzt, reduziert sich der reine aerodynamische Vorteil des Rahmens um etwa zwei Drittel. Das stellt den Wert von Windkanaltests, die nur das "nackte" Rad messen, fundamental in Frage. Ein Rad, das allein im Windkanal glänzt, verliert seinen Vorsprung, sobald die turbulente Form deines Körpers ins Spiel kommt.

 

Betrachte jede Marketingbehauptung durch diese Brille: Die Optimierung deiner eigenen Körperhaltung bringt dir oft weitaus mehr Speed als der Kauf eines neuen, teuren Aero-Rahmens.

 

Windkanal-Watt? In der Realität bleibt fast nichts übrig

 

Marketingabteilungen lieben große Zahlen. "25 Watt schneller" klingt super und rechtfertigt hohe Preise. Aber schau dir mal den Vergleich zwischen einem Motorola-Teamrad von 1990 und einem modernen Jumbo-Visma-Rad von 2021 an.

 

Im Windkanal – ohne Fahrer und bei unrealistischen 50 km/h – sparte das moderne Bike sagenhafte 52 Watt. Das klingt gewaltig.

 

Aber was passiert in deiner Realität?

 

Setzt man einen Fahrer auf das Rad, senkt die Geschwindigkeit auf ein realistisches Niveau und berücksichtigt den Windschatten im Peloton, schrumpft dieser "erstaunliche" Vorteil auf nur noch etwa 3 Watt zusammen. Diese 94-prozentige Reduktion vom Labor zur Straße entlarvt die Marketingversprechen der sündhaft teuren Superbikes. Ganz ehrlich: Eine Verbesserung von 3 Watt wirst du wahrscheinlich nicht einmal spüren.

 

Die Top-Superbikes sind praktisch gleich schnell

 

Jedes Jahr wird ein neues "schnellstes Rad der Welt" gekürt. Aber wenn unabhängige Tester wie Cyclingnews oder das Tour Magazin die Top-Modelle (Cervélo S5, Scott Foil, Factor Ostro, Specialized Tarmac SL8) gegeneinander antreten lassen, wird klar: An der Spitze ist die Luft extrem dünn.


In Tests mit Fahrer an Bord lagen die acht schnellsten Räder alle innerhalb einer Spanne von nur 4 Watt (bei 40 km/h). Das liegt im Bereich der Messtoleranz. Wissenschaftlich gesehen sind sie also kaum voneinander zu unterscheiden.

 

Ein leitender Ingenieur des Tour Magazins schätzt, dass du als Hobbyfahrer wahrscheinlich erst einen Unterschied ab 10 Watt bemerken würdest. Wenn du dich also zwischen den Top-Bikes entscheidest, sind Faktoren wie Fahrgefühl, Gewicht, Geometrie oder einfach die Lackierung viel wichtiger als die statistisch bedeutungslosen Aero-Unterschiede.

 

Hohe Felgen sind nicht immer besser

 

Hohe Carbonfelgen sehen schnell aus. Aber Experten sagen: Für die meisten von uns gibt es kaum einen Grund, Felgen zu fahren, die tiefer als 55 mm sind.

 

Der aerodynamische Gewinn jenseits von 55 mm ist minimal (oft nur 1–2 Watt), aber das Fahrverhalten bei Seitenwind wird deutlich schlechter. Echter Wind ist böig. Tiefe Felgen fangen diese Böen ein und zerren am Lenker. Das kostet dich Konzentration und Energie, um das Rad auf Kurs zu halten.

 

Für fast alle Fahrer ist ein Laufradsatz mit 40–55 mm Tiefe der ideale Sweetspot: Du bekommst den Aero-Vorteil, ohne dass du bei Wind kämpfen musst.


 

Man kann Aerodynamik nicht immer sehen

 

Früher war klar: Ein Aero-Rad muss breite, flache Rohre haben. Heute ist das anders. Schau dir das Specialized Tarmac SL8 an. Es hat schlankere, rundere Rohre als viele Konkurrenten, schneidet aber in Tests mit Fahrer extrem gut ab.

 

Der Grund: Sobald du auf dem Rad sitzt, ist der Luftstrom eh schon "schmutzig" (turbulent), besonders um deine Beine herum. Das Unterrohr ist daher weniger wichtig als die Anströmkanten (Steuerrohr, Gabel) und wie alles mit dir als Fahrer harmoniert.

 

Die Lektion: Moderne Aerodynamik sieht man nicht immer auf den ersten Blick. Ein smartes Gesamtkonzept ist wichtiger als einfach nur maximal tiefe Rohre.


 

Fazit

 

Die Botschaft ist klar: Fall nicht auf die Aero-Lüge herein, dass Laborwerte direkt 1:1 auf deine Ausfahrt übertragbar sind. Aerodynamik ist kein Wert auf einem Datenblatt. Es ist das Zusammenspiel aus dir (dem größten Widerstand), deinem Rad und den Bedingungen da draußen.


Die größten und günstigsten Gewinne liegen nicht beim Händler, sondern bei dir:

👉 Optimiere deine Sitzposition und dabei hauptsächlich dein Cockpit und Lenkerbreite


Mehr dazu findest du hier (LINK zum Blog Cockpit-Tuning).




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